Kinder ertragen mehr, als sie sollten

Kinder ertragen mehr, als sie sollten


Blickpunkt Bethlehem, Nr. 78 - Interview

Frühe Unterstützung schenkt Halt: Rania Mukarker begleitet Kinder in schwierigen Momenten.
Foto: © Caritas Baby Hospital

Seit Juni ist die psychologische Beratungsstelle am Kinderspital Bethlehem wieder besetzt. Mit Rania Mukarker tritt eine erfahrene Psychologin in den Dienst des Kinderspitals, die Kinder und Familien in belastenden Situationen begleitet. Im Interview mit Blickpunkt Bethlehem spricht sie über die aktuellen Herausforderungen.

Interview von Shireen Khamis

Frau Mukarker, wie erleben Sie die Situation der Kinder in Palästina?

Die psychische Belastung von Kindern in Palästina ist derzeit sehr hoch. Viele wachsen in einem Umfeld auf, das von Unsicherheit und belastenden Erfahrungen geprägt ist. Das bleibt nicht ohne Folgen: Es beeinflusst ihr Wohlbefinden, die Beziehung zu Mitmenschen und ihre Lernfähigkeit. Eigentlich ihre gesamte Entwicklung. Dabei brauchen Kinder für ein gesundes Aufwachsen vor allem Sicherheit und verlässliche Strukturen. Und sie brauchen Raum, um einfach einmal Kind zu sein. Doch genau diese Voraussetzungen sind für viele nicht gegeben. Stattdessen übernehmen Kinder oft schon früh Verantwortung in der Familie und im Alltag. Ich beschreibe die Kinder daher häufig als jung, aber alt an Erfahrungen.

Wie wirkt sich die Situation auf die Kinder aus?

Palästinensische Kinder müssen Herausforderungen bewältigen, die sowohl durch die politische Realität als auch durch ihr soziales Umfeld geprägt sind. Viele lernen, Gefühle wie Angst, Traurigkeit oder Wut zu unterdrücken. Statt eine unbeschwerte Kindheit zu erleben, fühlen sich viele Kinder unter Druck, müssen sich resilient, geduldig und stark zeigen. Auch dies kann ihre psychische und emotionale Entwicklung deutlich beeinträchtigen.

Beobachten Sie Veränderungen in den letzten Jahren?

Ja, die Veränderungen sind deutlich spürbar. Immer häufiger sehen wir Kinder mit emotionalen Schwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten, die sich nicht immer klar diagnostischen Kategorien zuordnen lassen. Viele Kinder reagieren auf den anhaltenden Stress unterschiedlich: Manche ziehen sich zurück, andere zeigen aggressives Verhalten. Generell sehen wir einen Anstieg an Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten und Ängsten.

Woran liegt diese Entwicklung?

Kinder brauchen ein Gefühl von Sicherheit, um ihre Emotionen zu regulieren und gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Wenn Unsicherheit zum Alltag gehört, wird genau das schwierig. Wir sprechen deshalb heute oft nicht mehr nur von traumatischen Einzelereignissen, sondern von einer anhaltenden Belastung: einem komplexen oder kontinuierlichen Trauma. Und dieses kontinuierliche Trauma ist Teil der alltäglichen Realität eines Kindes. Nachrichten über Checkpoints, militärische Operationen, Razzien sind allgegenwärtig und spiegeln ein Umfeld wider, das Angst und Unsicherheit erzeugt. Viele Kinder unterdrücken ihre Gefühle, weil sie glauben, stark sein zu müssen. Mit der Zeit zeigen sich aber bei einigen emotionale Schwierigkeiten oder körperliche Symptome.

Welche langfristigen Folgen kann das haben?

Wenn Kinder keine angemessene emotionale Unterstützung erhalten, kann chronischer Stress ihre soziale, emotionale, kognitive und körperliche Entwicklung negativ beeinflussen. Besonders besorgt sind wir über die langfristigen Auswirkungen einer anhaltenden Stressbelastung, wie Depressionen und andere psychische Erkrankungen. Frühe Intervention ist daher entscheidend, um Kindern zu helfen, ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten und gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Insofern ist die psychologische Beratungsstelle im Caritas Baby Hospital ein wichtiger Beitrag mit langfristiger Wirkung.

 

Teilen