Eine Familie am Limit

Eine Familie am Limit


Blickpunkt Bethlehem, Nr. 78 - Thema

Der Sozialdienst gewinnt Einblick in die Lage vor Ort.
Foto: © Caritas Baby Hospital

Ein Unfall, ausbleibende Arbeit und tägliche Hürden prägen das Leben der Familie Alameh. Als Miral krank wird, bringt erst die Behandlung im Kinderspital Bethlehem die Wende und neue Zuversicht.

Miral Alameh ist fünf Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Beit Ummar, einem Dorf nördlich von Hebron. Beide Eltern, Mohammad und Maha, sind ausgebildete Buchhalter, fanden jedoch nie eine Anstellung in ihrem Beruf. Zuletzt verdiente Mohammad sein Geld auf einer Baustelle. Bis er von einem Gerüst stürzte und seitdem den rechten Arm nicht mehr bewegen kann.

Im Westjordanland liegt die Arbeitslosigkeit bei fast dreissig Prozent. Maha hat daher wenig Hoffnung, eine gute Stelle zu finden. Pendeln wäre wegen der zahlreichen Absperrungen rund um Beit Ummar kaum möglich: Seit über drei Jahren endet jede Fahrt mit dem Sammeltaxi an einer Strassensperre. Dann heisst es aussteigen, an Betonblöcken vorbeilaufen und auf ein weiteres Taxi warten. Manchmal sehr lange.

Die Familie ist zurzeit auf die Unterstützung von Verwandten angewiesen. Und auf das, was Garten und Kleinvieh zum Lebensunterhalt beitragen.

Der Sozialdienst prüft vor Ort

Die Hühner in der umgebauten Garage flattern aufgeregt im Gehege, als der Sozialdienst des Caritas Baby Hospital bei den Alamehs mit dem Auto einbiegt. Für eine Fahrt, die normalerweise zwanzig Minuten dauert, werden diesmal fast drei Stunden benötigt. Währenddessen muss Adel, der Fahrer, mehrfach nach dem Weg fragen, umfährt Strassensperren weiträumig und nähert sich dem Ziel in immer engeren Schleifen.

Der Besuch des Sozialdienstes bei den Alamehs soll helfen, dient aber gleichzeitig auch der Kontrolle. Es ist wichtig zu überprüfen, wer Unterstützung erhält. Dass sie hier gerechtfertigt ist, erkennt Sozialarbeiterin Hazar sofort: an der kargen Einrichtung und an Mohammad, dessen Arm schlaff in einer Schlaufe hängt. Trotz knapper Mittel und trotz Ramadan besteht Maha darauf, dem Besuch aus Bethlehem in ihrer makellos sauberen Wohnung eine Erfrischung anzubieten.

Miral, um die es eigentlich geht, versteckt sich derweil hinter dem Sofa. Maha schildert kurz ihre Krankengeschichte: Vor einigen Monaten klagte das Mädchen über Brennen beim Wasserlassen, bald kam Einnässen hinzu, tagsüber wie nachts. Die Eltern brachten sie in ein Spital nach Hebron, wo sie stationär aufgenommen wurde. Dort ging ohne die Mutter nichts: Maha musste auch im Spital für Mahlzeiten, Wäsche und Medikamentenkontrolle sorgen. Es hätte sich sonst kaum jemand um Miral gekümmert.

Miral fürchtet Untersuchungen nicht mehr.
Foto: © Meinrad Schade

Schnelle Besserung dank gezielter Behandlung

Mirals Zustand besserte sich nicht. Daher beschlossen die Eltern: «Das Kind muss ins Kinderspital nach Bethlehem.» Auf eigene Initiative und Rechnung brachten sie ihr Kind ins Caritas Baby Hospital.

Dass sich Miral rasch erholte, ist der systematischen Behandlung im Kinderspital zu verdanken. Eine Bakterienkultur identifizierte den Erreger der Harnwegsinfektion, so dass gezielt das passende Antibiotikum eingesetzt werden konnte. Zunächst lehnten die Alamehs weitere Untersuchungen im Caritas Baby Hospital ab, da sie selbst den geringen Eigenbeitrag nicht aufbringen konnten. Erst der Hinweis auf den Sozialdienst und eine mögliche Kostenübernahme bewegte sie zum Bleiben. In der Folge konnten keine weiteren Ursachen für die Infektion festgestellt werden.

Gefangen im Alltag

In Beit Ummar kommt Miral endlich hinter dem Sofa hervor. Neugierig auf die Kamera, die der Besuch aus Bethlehem mitgebracht hat. Schliesslich lässt sie sich sogar fotografieren. Und dann erzählt sie, wie gerne sie wieder in den Kindergarten zu ihren Freundinnen möchte. Raus, spielen, etwas erleben. Miral will nicht mehr über die blöde Krankheit sprechen. Und Ärzte, die mag sie eigentlich auch nicht.

Mohammad und Maha sind indes dankbar. Für Familien wie ihre ist das Caritas Baby Hospital trotz zahlreicher Absperrungen oft die einzige Anlaufstelle.

 

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