Herzschlag für ein neues Leben

Die zwei Wochen alte Shadia auf ihrem Weg zur Herz-Operation nach Israel. Kein leichter Weg über Checkpoints in eine andere Welt.

Schwester Lucia legt den Telefonhörer auf. Es ist soweit. Der Empfang hat angerufen: Eine Ambulanz wartet vor dem Haupteingang. Der Wagen wird die zwei Wochen alte Shadia zu ihrer Herz-Operation nach Jerusalem bringen – zumindest den ersten Teil des Weges. Shadias Mutter Rubaa wickelt das Mädchen in Decken und nimmt sie auf den Arm. Schwester Lucia begleitet die beiden nach unten. Vor dem Gebäude nehmen die Sanitäter Shadia in Empfang und legen sie vorsichtig auf eine Trage. Rubaa ist erleichtert. Wenn jetzt alles gut geht, beginnt das Ende von Shadias Leid.

Rubaa sorgt sich bereits seit Shadias Geburt. Sie war auffällig ruhig und wirkte oft apathisch. Als sich ihre Haut blau färbte, machte sich die junge Mutter sofort auf den Weg nach Bethlehem. Die Ärzte der ambulanten Klinik hatten schnell die typischen Symptome eines Herzfehlers erkannt. Die Kinder-Kardiologin stellte im Ultraschall fest, dass eine Herzklappe nicht richtig schliesst. Medizinisch ist die nötige Operation ein Routineeingriff, doch möglich ist er nur in Israel – hinter der Mauer, die Bethlehem von Jerusalem trennt. Rund 50 Mal im Jahr organisiert das Caritas Baby Hospital Herz-Operationen in Israel. Mit Hilfe verschiedener Partnerorganisationen sichert die Kinderhilfe Bethlehem die Finanzierung und beschafft die nötigen Genehmigungen für Mutter und Kind.

Umsteigen am Strassenrand

Die Ambulanz fährt zur grossen Verbindungsstrasse, die von den israelischen Siedlungen im Westjordanland nach Jerusalem führt. Doch kurz vor der Einmündung hält der Wagen am Strassenrand. Dort wartet er auf die israelische Ambulanz, die Rubaa und Shadia nach Jerusalem bringen wird. Denn nur ein israelisches Fahrzeug kann auf der Siedlerstrasse fahren und den Kontrollposten passieren. Als der Wagen aus Ost-Jerusalem eintrifft, besprechen die Fahrer die Lage. "Heute sieht es gut aus", sagt Ibrahim, Fahrer der Ambulanz aus Jerusalem. Rubaa und Shadia steigen schnell um.

Nach wenigen hundert Metern erreichen sie bereits den israelischen Kontrollpunkt. Das Fahrzeug aus dem arabischen Ost-Jerusalem wird herausgewunken und kontrolliert. Zwei Soldaten schauen hinein, lassen ein paar Fächer öffnen und prüfen Rubaas Papiere. Alles ist in Ordnung. Sie können weiterfahren. Auch wenn Ibrahim diese Prozedur täglich erlebt, atmet er erleichtert auf. Nicht immer verläuft die Kontrolle so problemlos. Rubaa sieht es als gutes Zeichen. Eine halbe Stunde später kommen sie im Makassed Hospital auf dem Ölberg an. Es ist bereits Abend und die kleine Shadia schläft schnell ein, als sie in ihrem Zimmer angekommen ist. Morgen früh ist sie die Erste auf dem Operationsplan. Rubaa kann noch nicht schlafen. Sie blickt auf die Altstadt Jerusalems. Es ist das erste Mal seit 15 Jahren, dass sie in Israel ist. Doch für die Schönheit der Stadt hat sie keinen Blick. Sie wünscht sich nur eines: gemeinsam mit einer gesunden Shadia zurück nach Bethlehem zu fahren. Wenn alles gut geht, ist sie in drei Tagen wieder dort.