Samia Qassis - Caritas Baby Hospital

Ihren Platz gefunden


Samia Qassis, Leiterin der Wäscherei

Blickpunkt Bethlehem, Ausgabe 33, Juni 2015

Für Samia Qassis ist das Caritas Baby Hospital mehr als ein Krankenhaus.

Samia ist aufgebracht. Eigentlich wollte sie über ihre Arbeit im Caritas Baby Hospital und ihr Leben in Bethlehem erzählen, aber daran ist im Moment nicht zu denken. Stattdessen wedelt sie immer wieder erregt mit einem Brief. Er ist von der israelischen Militärverwaltung. Diese teilt Samia mit, dass ihre Brüder und ihre Mutter nicht zu Besuch nach Bethlehem kommen können. Samias Familie stammt zwar aus Bethlehem, lebt aber seit vielen Jahrzehnten in Jordanien. Für die Einreise in das Westjordanland benötigt jeder Exil-Palästinenser eine Erlaubnis. Doch diese zu bekommen ist nicht einfach; ein Rechtsanspruch besteht nicht und oft wird sie von der israelischen Armee verweigert. 

Und Samias Familie hat dieses Mal Pech. „Aber meine jüngste Tochter heiratet in zwei Monaten. Da dürfen die Grossmutter und die Onkel doch nicht fehlen.“ Samia ist verzweifelt, denn die Familie ist ihr heilig. 

Vielleicht beschreibt diese Begebenheit das Leben der Menschen in Bethlehem viel besser als jede Erzählung oder Schilderung des Alltags: Alles, was den Menschen wichtig ist, was dem Leben Sinn und Halt gibt, ist unsicher und nicht planbar. Der israelisch-palästinensische Konflikt greift tief in den Alltag ein – manchmal sogar in das Familienleben. Umso wichtiger ist Samia ihre Arbeit im Caritas Baby Hospital, denn dort erlebt sie eine Normalität, wie sie selten geworden ist in den besetzten palästinensischen Gebieten. Seit 15 Jahren leitet sie die Wäscherei im Krankenhaus. „Hier habe ich meinen Platz gefunden“, sagt sie. Auf die Stelle in der Wäscherei hatte sich die gelernte Buchhalterin und Textildesignerin nur beworben, weil ihr Mann seit 1999 nicht mehr zu seiner Arbeit nach Israel fahren konnte. „Das Team der Wäscherei erlebt jeden Tag, dass wir Teil von etwas Wichtigem sind. Ich glaube, dass das Caritas Baby Hospital für unsere Gesellschaft viel mehr leistet als nur Medizin und Pflege für kranke Kinder“, erklärt die 57-Jährige begeistert.

Als Samia vor wenigen Monaten Grossmutter von Zwillingen wurde, lernte sie das Caritas Baby Hospital aus einer neuen Perspektive kennen. Weil die beiden Mädchen zu früh auf die Welt kamen und nur wenig Gewicht hatten, mussten sie im Spital behandelt werden. Glücklicherweise war ihr Zustand aber nie kritisch. Schon nach 14 Tagen konnten die Mädchen nach Hause. Seit dieser Zeit kann sich Samia noch besser in die Gefühlslage der besorgten Mütter und Familienangehörigen hineinversetzen. Die eigene Erfahrung hat sie auch in der Bedeutung ihrer Arbeit bestärkt. „Ich würde meine Enkelkinder niemals in ein Bett mit fleckigen Laken legen. Das hat nicht nur hygienische, sondern auch emotionale Gründe. Die Mütter vertrauen uns schliesslich das Wertvollste an, was sie haben. Da ist saubere Wäsche das Mindeste.“

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