Dr. Hiyam Marzouqa - Caritas Baby Hospital

Weihnachtlicher Gruss aus Bethlehem


Von Dr. Hiyam Marzouqa // Erschienen in: Luzerner Rundschau

Liebe Leserin, lieber Leser 

Ich arbeite als Chefärztin im Caritas Baby Hospital in Bethlehem/Palästina, dem Ort an dem Jesus zur Welt kam. Im vergangenen Jahr haben wir fast 50'000 kleine Patienten 
im Spital behandelt – unabhängig ihrer Herkunft und Religion. Das heisst, alle Kinder werden bei uns gleichermassen professionell und liebevoll betreut. Das mag für Sie selbstverständlich klingen. Doch im Heiligen Land, das sich seit Jahrtausenden eher durch Konflikte und Gewalt auszeichnet als durch Frieden, ist das alles andere als selbstredend. 

Kürzlich erzählte mir eine Frau, wie sie mit ihrer vierjährigen, behinderten Tochter vier Stunden an einem Checkpoint festgehalten wurde, weil sie ein kleines, stumpfes Messer dabeihatte – um ihrem Mädchen einen Apfel zu schneiden. Die Kleine schrie aus Angst ununterbrochen. Solche Erzählungen stimmen mich sehr betroffen. Manchmal kann ich diese Erzählungen kaum mehr ertragen.

Neben dem Alltag unter der Besatzung und den finanziellen Sorgen prägen religiöse Spannungen den Alltag. Die drei grossen monotheistischen Weltreligionen, Christentum, Judentum und Islam haben hier gemeinsame Wurzen und doch wird so oft das Trennende betont. Dabei wäre es gerade in Palästina, in diesem prekären Umfeld, überlebensnotwendig, sich auf das Verbindende zu konzentrieren: die Würde eines jeden Menschen.

Seit der Gründung versuchen wir, genau das im Spital zu leben und alle Menschen gleich zu behandeln. Wir bemühen uns, eine gute Atmosphäre zu schaffen, in der Religion, Politik und finanzielle Sorgen nicht im Vordergrund stehen, sondern einzig und allein die Familie und das Wohl des Kindes. Unsere Aufgabe ist es, kranke Kinder gesund zu pflegen. Dafür setzt sich das medizinische und pflegerische Personal jeden Tag mit Professionalität und Hingabe ein.

Wir betreuen christliche und muslimische Familien. Wir führen über die Religionszugehörigkeit aber keine Statistik, denn es geht um das kranke Kind, um die Sorge der Eltern – und da spielt die Glaubensrichtung keine Rolle. Alle Eltern möchten, dass ihr Kind baldmöglichst gesund wird.

Seit es das Caritas Baby Hospital gibt, also seit mehr als 65 Jahren, haben wir mit jedem Tag erfahren, dass Ungleichbehandlung, Trennung und Mauern kein Weg zum Frieden sind. Das gilt auch, wenn wir ein Kind nach Israel zu einer Operation überweisen müssen, weil es bei uns in Palästina keine Behandlungsmöglichkeit gibt. Es erfordert hohen 
bürokratischen Aufwand. Doch sobald beide Seiten, die palästinensische und die israelische, das Wohl dieses kranken Kindes ins Zentrum stellen, treten politische und religiöse Verwerfungen in den Hintergrund. Diese Erfahrung gibt mir jedes Mal wieder Hoffnung. Diese Hoffnung ist es, die uns jeden Tag auch unter schwierigen Bedingungen 
zu unserem Dienst am Nächsten antreibt. 

Darum bin ich Ärztin in Bethlehem geworden. Darum arbeite ich im Caritas Baby Hospital. Weil hier jedes Leben ein Geschenk Gottes ist. Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Weihnachtsfest! 

Dr. Hiyam Marzouqa 
Chefärztin Caritas Baby Hospital

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