Bethlehem - Caritas Baby Hospital

Kinderärzte im Schatten von Israels Schutzwall


Von Cyrill Pinto // Erschienen in: SonntagsBlick

«Die Mauer nimmt uns unsere Hoffnung»

Wenn Sena (1) blau anläuft, bleibt nicht mehr viel Zeit. Das Mädchen, das wegen eines seltenen Gendefekts an Atemnot leidet, muss dann so schnell wie möglich ins Spital.

Obwohl Sena nur knapp zehn Kilometer Luftlinie entfernt in Abu Dis wohnt, einem Vorort östlich von Jerusalem, dauert die Fahrt ins Caritas-Kinderspital von Bethlehem etwa 45 Minuten. Die Ambulanz mit dem Mädchen muss rund um den israelischen Sperrwall fahren. Jede Minute unterwegs ist für Sena und ihre Mutter Sana (24) eine Qual: «Ich habe jedes Mal Angst, dass meine Tochter auf der Fahrt ersticken wird.» 

Das Caritas-Kinderspital in Bethlehem hat zahlreiche kleine Patienten wie Sena. Denn viele Kinder in der Region leiden an seltenen Gendefekten. Sie treten auf, weil viel zu oft innerhalb der Familien geheiratet wird, etwa unter Cousinen und Cousins. «Das ist ein grosses Problem in unserer Gegend», sagt die medizinische Leiterin, Hiyam Marzouqa (54). 

Das Caritas-Kinderspital in Bethlehem hatte 1953 der Walliser Pater Ernst Schnydrig  (1912–1978) gegründet. Zuerst war es nur ein Notspital, 1978 wurde die heutige Kinderklinik gebaut. In ihr werden in den 82 Betten pro Jahr über 4600 Kinder stationär gepflegt, 35 000 Behandlungen erfolgen ambulant. Damit ist das Spital ein wichtiger Grundpfeiler für die Gesundheitsversorgung von Kin-dern in Palästina. Finanziert wird es mit jährlich rund zehn Millionen Franken an Spendengeldern, bei-nahe die Hälfte davon stammt aus der Schweiz und wird über die Kinderhilfe Bethlehem gesammelt. 

Der israelische Sperrwall, der vom Kinderspital aus zu sehen ist, behindert die  Arbeit der Menschen im Spital, stellt der administrative Direktor Issa Bandak (43) fest. Und er ist für viele Kinder und ihre Familien eine fast unüberwindbare Hürde. «Vor dem Mauerbau war das Spital für alle Palästinenser da. Aus Gaza, dem Süden des Westjordanlands und aus dem Norden kamen die Patienten», sagt Bandak. Doch durch den Mauerbau sei die  Erreichbarkeit der Klinik viel schwieriger geworden. 

Bandak hat in den USA Betriebswirtschaft und Spitalmanagement studiert. Zurück nach Palästina zu kommen, war für den dreifachen Familienvater eine Herzensangelegenheit: «Ich wollte, dass meine Kinder hier aufwachsen.» Dafür nimmt Bandak unter anderem auch einen anderthalbstündigen Arbeitsweg in Kauf. Jeden Tag fährt er von seinem Wohnort Ramallah nach Bethlehem, rund um das ab-geriegelte Jerusalem herum – ohne Mauer würde die Fahrt bloss maximal eine halbe Stunde dauern.

«An manchen Tagen bin ich zwei Stunden oder länger unterwegs, weil die Kontrollen an den Checkpoints so lange dauern.» Mehrere solcher Kontrollposten der israelischen  Armee muss Issa Bandak jeden Tag passieren. Manchmal baut die israelische Armee auf einem Strassenabschnitt auch ganz kurzfristig einen  neuen Checkpoint auf – dann dauert die Fahrt noch länger. «Ist in Israel ein hoher Feiertag, bleiben die Tore an den Checkpoints einfach geschlossen», so Bandak. Das Westjordanland ist dann in einen südlichen und einen nördlichen Teil getrennt – ein Durchkommen, auch für Patienten, ist dann unmöglich.

Insgesamt ist der Sperrwall heute über 750 Kilometer lang. Als Reaktion auf die zweite Intifada und Anschläge begann Israel 2002 mit dem Bau, der seither Palästina von Israel abtrennt. Obwohl der Internationale Gerichtshof im Auftrag der Uno schon 2004 feststellte, dass der Sperrwall gegen Völkerrecht verstösst, bauen ihn die Israelis weiter aus. 

Nicht nur die Mauer, auch die vielen Siedlungen durchschneiden das Westjordanland. Erst letzte Woche verabschiedete die Uno unter heftigem Protest Israels eine Resolution zum Stopp des Siedlungsbaus.  «Die Mauer nimmt uns unsere Hoffnung auf ein friedliches Nebeneinander», sagt die medizinische Leiterin, Hiyam Marzouqa. Sie erinnert sich an die Aufbruchstimmung in den palästinensischen Gebieten nach dem Osloer Friedensabkommen von 1993. Damals arbeitete sie als junge  Assistenzärztin im Caritas-Kinderspital. «Von der Stimmung  damals ist heute nicht mehr viel übrig», sagt sie. «Die Lage ist so  fatal, dass ich versuche, sie komplett auszublenden.» 

So stürzt sie sich vor allem in  ihre Arbeit: «Was mich aufbaut, sind die vielen Erfolgserlebnisse, die wir hier tagtäglich in der Klinik haben – auch wenn sie noch so klein sind.»  
Auf ihrer Visite als Chefärztin besucht Marzouqa die kleine Hannah (3) auf der Intensivstation des Spitals. Erst vor ein paar Stunden entfernten die Ärzte den Tubus aus dem Hals des Mädchens. Wie viele Kinder hier leidet auch Hannah an einem Gen defekt, der ihre Muskeln immer schwächer werden lässt. Das Mädchen wird nun durch eine Maske beatmet. «Wir schauen, ob sie ohne künstliche Beatmung genug Luft bekommt», erklärt Marzouqa, die sich mit der Grossmutter des Mädchens unterhält.  

Beim Hinausgehen sagt Marzouqa: «Das Kind wird nicht mehr lange leben. Trotzdem ist es uns wichtig, dass alles Mögliche unternommen wird, um ihm und anderen zu helfen – das sind wir den Kindern und ihren Familien schuldig.»

 

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