Issa Bandak - Caritas Baby Hospital

Heilen zwischen Geburtskirche und Grenzmauer


Von Simon Widmer // Erschienen in: Sonntagszeitung

Auf Visite mit Issa Bandak, der in Bethlehem das Kinderspital leitet – mit Schweizer Unterstützung.

Issa Bandak sagt: «Bethlehem bedeutet mir alles.» Als er in die Schule ging, lief er an der Geburtskirche Jesu vorbei. 100 Meter weiter arbeitete sein Vater als Geldwechsler. Die Geburtskirche ist, so eine Erzählung, eng mit Bandaks Familiengeschichte verbunden. Vor 1500 Jahren kamen seine Urahnen nach Bethlehem. Sie waren Teil eines Clans, der unter dem Namen «An Atra», was sich am ehesten mit «die Dickköpfigen» übersetzen lässt, berühmt war. Ihre Aufgabe war es, die Geburtskirche Jesu zu beschützen. 

Über ein Jahrtausend später ist Issa Bandak, 41, der CEO des  Caritas-Kinderspitals Bethlehem, knapp zwei Kilometer von der  Geburtskirche entfernt. Er ist Palästinenser und Christ. Sein Spital nimmt Kinder aller Glaubensrichtungen auf. Er sagt: «Es ist eine christliche Haltung, kein Kind abzuweisen.» Das Spital – ein Hoffnungsträger und eine Insel des Friedens in einer unsicheren Region.

Im letzten Gazakrieg konnte nur fünf Kindern geholfen werden 
Heute steht Bandak vor dem  Magnetresonanztomografen im Kinderspital Zürich. Spitaldirektor Markus Malagoli und der Neurowissenschaftler Ernst Martin  erklären, wie das Hightechgerät eingesetzt wird. Ernst Martin kann am Gehirn operieren, ohne den Schädel öffnen zu müssen. Die Ultraschallstrahlen dienen als «Messer». Vor der grossen Röhrenmaschine wirkt Bandak klein. 

Klein ist auch das Spital in Bethlehem im Vergleich zum Kinderspital Zürich. Dieses vermeldete im letzten Jahr einen Umsatz von über 260 Millionen Franken. Beim Spital in Bethlehem beträgt der Umsatz knapp 12 Millionen Franken. Es finanziert sich vor allem durch Spenden, die Familien der Patienten zahlen nur einen symbolischen Betrag.  
Das Spital ist eng mit der Schweiz verbunden. 1952 gründete es der Schweizer Priester Ernst Schnydrig, zusammen mit einer Schweizer Krankenschwester und einem Arzt aus Palästina. Seit 50 Jahren sammeln Pfarreien hier-zulande während der Weihnachtsmesse für die Kinderhilfe Bethlehem. So können jährlich 36 500 Kinder behandelt werden.

In der Kantine des Kinderspitals Zürich spricht Issa Bandak einnehmend und lacht oft. Wenn das Gespräch auf den Israel-Palästina-Konflikt kommt, denkt er lange nach. Das Spital liegt nur wenige Meter von der israelischen Grenze entfernt. Das Stadtbild ist geprägt von der grossen Grenzmauer, Wachtürmen und Soldaten. Die politische Situation wirkt sich auf die tägliche Arbeit aus. Das Spital kann nicht alle Kinder annehmen, die Hilfe  benötigen. So konnten im letzten Gazakrieg nur fünf Kinder nach Bethlehem transportiert werden. Auch sei es schwierig, genügend qualifizierte Ärzte zu finden, sagt Bandak. Viele würden Palästina  verlassen, da sie andernorts mehr verdienen könnten und Zugang zu Hightechmedizin hätten. 

Der tägliche Kampf um Spendengelder, die verfahrene politische Lage. Auch Issa Bandak hätte es sich einfach machen und nach Amerika auswandern können, wo er studiert hatte. Doch er sagt: «In Amerika war ich nur eine Nummer. In Bethlehem bin ich jemand. Ich gehöre sonst nirgendwo hin.» 

Er beginnt zu lächeln, als er er-zählt: «In Bethlehem kann ich die Strasse entlanglaufen, und meine Freunde grüssen mich. Ich rieche den Duft der Falafels, der abends die Strassen erfüllt, und ich kann meine Schwester und meinen Onkel besuchen.» Die engen Familienbeziehungen sind ihm sehr wichtig. 

«Eine Sekunde der Freude  kann die Welt bedeuten»  
So ist Issa Bandak Bethlehem treu geblieben. Ob auch seine Kinder dort bleiben sollen, weiss er noch nicht. «Das ist ein grosser Kampf in mir. Ich will, dass sie als Palästinenser erzogen werden. Gleichzeitig will ich nicht, dass meine Entscheidung ihre Zukunft negativ beeinflusst.» Die politische  Situation im Nahen Osten beschreibt Bandak in einem Wort: «hässlich». 

Die Schicksale seiner Patienten berühren ihn, den Vater von drei Kindern. Er erzählt von einer Patientin namens Tasmeen. Sie hatte eine Stoffwechselkrankheit, konnte nicht mehr atmen. Zusammen mit den Eltern hat das Spital entschieden, Tasmeen zu Hause sterben zu lassen. Es gebe aber auch schöne Momente, etwa das jährliche Weihnachtsfest. «Wir feiern, damit unsere Patienten merken, dass auch sie normale Kinder sind. Eine Sekunde der Freude kann für sie die Welt bedeuten.»

Die Schweiz besucht er, um die Aktivitäten mit der Kinderhilfe Bethlehem, die das Geld für das Spital sammelt, zu koordinieren. Am Ende der Sitzungen müsse er jeweils für sich lächeln. Seine Schweizer Kollegen planen bereits Termine für die nächsten Jahre. In Palästina hingegen sei es unmöglich zu wissen, was im nächsten Monat passieren wird. 

Gegen sechs Uhr eilt Issa Bandak zur Tramhaltestelle. Er hat in Zürich weitere Sitzungen mit der Kinderhilfe Bethlehem. Diese Termine seien wichtig, das Spital auch in diesem Jahr auf weitere Spenden angewiesen. Vor dem Zürcher Hauptbahnhof hat das Tram eine Panne und bleibt stecken. Viele Passagiere fluchen, Issa Bandak lacht nur und verschwindet in Richtung Bahnhofstrasse. 

 

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