Dr. Hiyam Marzouqa - Kinderhilfe Bethlehem

Das Caritas Baby Hospital in Bethlehem: Eine Oase des Friedens


Von Tanja M. Schmutte // Erschienen in: Für Sie

Wo gelebter Glaube die Grenzen überwindet, entstehen Hoffnung und Heilung. In einem besonderen Kinderkrankenhaus gelingt das jeden Tag.

Es ist, als würde Mila einem mit ihren großen Augen direkt in die Seele blicken. Fragend, was nur los ist mit dieser Welt, die offenbar aus den Fugen geraten ist. Ausgerechnet in Bethlehem, dem Geburtsort Jesu, ist der Konflikt zwischen Juden, Moslems und Christen allgegenwärtig. Nirgendwo sonst wird die Teilung des Heiligen Landes durch Mauern und Grenzposten deutlicher. Doch im Caritas Baby Hospital ist die Zweijährige gut aufgehoben. Nationalität? Glaube? An diesem Ort der Hoffnung ist nur eines wichtig: das Wohl der kleinen Patienten – unabhängig von sozialer Herkunft oder Religion.  

„Das Hospital ist ein neutraler Ort“, sagt Chefärztin Dr. Hiyam Marzouqa (54), während sie Mila untersucht. Vorher hat sich das Mädchen neugierig den Behandlungstisch angeschaut, eine Spezialanfertigung: Er sieht aus wie ein großer rosa Elefant, der sie freundlich anlächelt. Mila lebt mit ihrer Familie in der christlichen Gemeinde von Beit Jala, sie hat eine leichte Fußfehlstellung. „Nicht schlimm“, sagt die Ärztin lächelnd. „Das kriegen wir mit etwas orthopädischer Behandlung in diesem Alter schnell in den Griff.“ Nebenan wartet noch der kleine Mohammed (4). Er hat Husten und etwas Fieber. Zahlen müssen die Eltern für die Behandlung nicht. Doch jeder gibt, so viel er kann.

Dr. Marzouqa muss weiter, quer durch die Aufnahme, die voller Eltern mit Kindern ist, die behandelt werden wollen. An den Wänden hängen bunte Bilder und Collagen. Im Fernsehen läuft eine Folge der Comic- Serie „Tom und Jerry“. Die Streiche von Kater und Maus bringen alle Kinder zum Lachen, egal wo auf der Welt. Fast ist eine gewisse Leichtigkeit spürbar. Angst, Ungewissheit – gerade das sollen die Familien nicht mit der Klinik verbinden: „Wir geben den Menschen Hoffnung, hier schöpfen sie Kraft“, sagt die Ärztin. Dafür sorgt auch die „Band of Smile“. Eine Gruppe von acht Klinikclowns, die in ihrer Freizeit Kinder und Eltern aufmuntern. „Das Lachen hilft nicht nur heilen“, sagt Schwester  Lucia (47). „Es ändert die Einstellung der Kinder zum Hospital. Sie verbinden dann nicht nur Krankheit damit, sondern erinnern sich an die Clowns.“ Einige kommen vielleicht sogar deshalb fast gern her. 

Dazu gehört Halla (9), die von der Hüfte abwärts querschnittsgelähmt ist. Immer wieder muss sie ins Hospital. Diesmal wegen eines leichten Infekts. Zusammen mit sechs Geschwistern wächst sie in Deheische auf, einem ehemaligen Flüchtlingslager bei Bethlehem. Sie genießt die ausgelassene Stimmung mit Nonne Lucia. Als die sich bei Malak (6) aufs Bett setzt, ist das Mädchen zuerst schüchtern. Es stammt aus Hebron, leidet an Diabetes und hat schlechte Leberwerte – klassische Stoffwechselkrankheiten. Nonne Lucia bastelt ihr aus einem orangefarbenen Luftballon eine kleine Krone, zaubert ein Plüschtier hervor – Malak strahlt und hat die Welt um sich herum vergessen. 

Diese Welt mit den bewaffneten Soldaten an der Grenze, der bis zu acht Meter hohen Mauer, die Bethlehem von Jerusalem trennt, Palästina von Israel. Wie eine Wunde, die sich mitten durch das Heilige Land zieht. Nur wenige Schritte über eine staubige Straße liegt das Spital davon entfernt, doch für die Angestellten ist das un-wichtig. Das Baby Hospital ist eine Oase des Friedens. Die Arbeit hier bedeutet für sie, ihren Glauben zu leben. Und das heißt in erster Linie: helfen, wenn Kinder leiden – unter typischen Armutserkrankungen wie Magen-Darm-Infektionen, Bronchitis und anderen Atemwegsproblemen, aber auch Stoffwechselstörungen und neurologischen Erbkrankheiten. „Ich muss mir nur die Symptome ansehen und weiß, aus welchem Tal das Kind stammt“, sagt Dr. Hiyam Marzouqa. Zu oft gehen die Menschen aus einem zu kleinen Kreis untereinander Ehen ein. Doch das ändert sich langsam. Auch die Männer entwickeln ein besseres Verständnis für  gesunde Familienplanung.“ Seit zehn Jahren ist sie hier Chefärztin, wurde in Bethlehem als Christin geboren und hat in Deutschland studiert. 

Neben der medizinischen Versorgung beraten vier Sozialarbeiter vor allem die Mütter. Klären auf über Ernährung und Hygiene, leisten psychologische Unterstützung. Es gibt ein Mütterzentrum, in dem die Frauen abschalten und für sich sein können. „Ein Luxus, den sie zu Hause nicht haben“, sagt Lina (45), die Leiterin des Zentrums. Sie weiß, moderne Medizin und Traditionen stehen einander oft im Weg. Weg. Sind die Kinder krank, wird den Frauen die Schuld gegeben. Gerade wenn es um Erbkrankheiten geht. „Die Mütter haben meist ein geringes Selbstvertrauen. Wir machen sie stark, damit sie an sich glauben.“ Denn wenn ein Kind in der Familie von einer schweren Krankheit betroffen ist, haben die anderen sie in der Regel auch. 

Gerade wegen dieser Problematik sind für Chefärztin Dr. Marzouqa die Bereiche Genetik und Neurologie besonders wichtig. Regelmäßig praktizieren internationale Experten im Hospital: „Sie finden hier Krankheiten in einer Häufung, die es in Deutschland kaum noch gibt.“ Dazu zählen spiegelverkehrte Anordnungen der Organe und Wachstumsstörungen.  

An der Tagesordnung sind auch „Schmetterlingskinder“. Ihre Haut ist so empfindlich wie zarte Flügel. Jede kleinste Be-rührung, jede liebevolle Um-armung bedeutet für diese Kinder Schmerzen. Solche Momente, wenn die Situation ausweglos erscheint, verlangen den Helfern viel Kraft ab. Dr. Marzouqa geht deshalb regelmäßig vor dem Dienst in die Geburtskirche mitten in der Altstadt. Vorbei an Häusern aus mächtigen Sandsteinquadern und über Kopfsteinpflaster. Frühmorgens, wenn es an diesem heiligen Ort menschenleer ist, scheint die Zeit für ei-nen Moment stillzustehen. Dann zündet die Chefärztin eine Kerze an, hält stumm Zwiesprache mit Jesus, betet für ihre Familie und die Gesundheit der Kinder im Hospital. „Es ist für mich immer wieder das größte Geschenk, wenn sie die Klinik verlassen können.“ 

Die Ärztin lächelt, doch jetzt will sie schnell weiter zur Neu­geborenen ­Station. Nein, hier bei der Arbeit im Schatten der Mauer kümmert es niemanden, ob die Eltern des Frühchens auf der Intensivstation Muslime oder Christen sind. Entscheidend ist, dass es überlebt. So wie Ahmed, der mit 1100 Gramm zwei Monate zu früh geboren wurde. Inzwi­schen wiegt er drei Kilo, und seine Mutter Rem (24) kann ihn schon bald mit nach Hau­se nehmen. „Der Junge ist ganz gesund“, versichert Dr. Mar­zouqa der erleichterten jungen Frau. Blutwerte, Ultraschall­ Ergebnisse von Gehirn und Hüfte – alles gut. Untersuchun­gen, auf die sich die Ärztin nicht nur spezialisiert hat, sie sind Standard nach der Geburt: „Nur wenn wir Krankheiten früh erkennen, haben wir eine Chance  dagegen.“ 

Dazu zählt auch die in der Region einzigartige frühkind­liche Physiotherapie. Gerade neurologische Erkrankungen machen es den Kindern oft schwer, gezielt zu greifen, rich­tig zu laufen oder ihren Körper zu spüren. „Hier lernen sie das spielerisch, es sind ja Kinder“, erklärt Therapeutin Layla (27). Mit Bällen hantieren, auf der Schaukel sitzen, das alles sind Dinge, die sie in ihrem Zuhause nicht haben, die aber viel bewirken. „Für die Eltern wer­ den so schon kleine Dinge plötzlich zum großen Wunder“, sagt Dr. Marzouqa. „Das spornt mich täglich an.“ Und sie weiß, was auch immer vor der Tür  geschieht: Hier im Baby Hospi­tal herrscht neben Glaube und Liebe die Hoffnung – auf Ge­sundheit und eine Zukunft in Frieden. 

 

Teilen