Dr. Marzouqa - Caritas Baby Hospital

Brief aus Bethlehem


Von Dr. Hiyam Marzouqa // Erschienen in: Luzerner Rundschau

Liebe Leserin, liebe Leser 

Bethlehem, die kleine Stadt in Palästina, kennen beinahe alle aus der Weihnachtsgeschichte. Das freudige Ereignis der Geburt Jesu steht leider im Kontrast zur Situation im heutigen Bethlehem. Die Stadt leidet seit Jahrzehnten – wie das gesamte Westjordanland und der Gazastreifen – unter dem Nahostkonflikt. Es herrscht zwar seit gut zehn Jahren kein offener Krieg mehr. Aber ist die Abwesenheit von Krieg gleichzusetzen mit Frieden? Bethlehem ist eine Stadt unter Besatzung. Und ich als Bewohnerin weiss, was das das bedeutet: Wir haben keine Bürgerrechte und niemanden, der unsere Grundrechte verteidigt. Wir in Palästina sind alle – ob Mann oder Frau, ob arm oder reich, ob alt oder jung – täglich mit Willkür und Gewalt konfrontiert.

Als Chefärztin des Caritas Baby Hospital bekomme ich die Sorgen und Nöte der Menschen in der Stadt und der Region hautnah mit. Im vergangenen Jahr haben wir im Spital rund 50'000 Kinder behandelt. Ich weiss, wie sehr sich die Lebensbedingungen auf die Kinder und ihre Familien auswirken. Nächtliche Hausdurchsuchungen, Checkpoints und schwer bewaffneten Soldaten in den Städten, Tränengas, Militärkontrollen – all das sind keine Ausnahmeerscheinungen, sondern deprimierende Realität. Das gilt besonders in unserem Haupteinzugsgebiet, in Städten wie Hebron, in den Dörfern um und selbst in Bethlehem. Die Situation prägt gerade die verletzlichen Kinder-Seelen. Manchmal kann ich die Erzählungen der Mütter kaum ertragen. Ihre Hilflosigkeit, die Töchter und Söhne vor Traumata, Abgestumpftheit und absoluter Hoffnungslosigkeit zu bewahren, ist nur schwer auszuhalten. 

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir jeden Tag an die Arbeit im Caritas Baby Hospital gehen und sozusagen mit dem Stethoskop gegen die verbreitete Hoffnungslosigkeit vorgehen. Das kann ich tun, weil ich trotz aller Zweifel und Rückschläge davon überzeugt bin, dass unsere Arbeit Sinn macht und zu einer friedlichen Zukunft beiträgt. Uns geht es um Frieden im Kleinen und der beginnt mit Achtung, mit Gleichbehandlung und gegenseitigem Respekt.

Ein unumstösslicher Grundsatz im Spital lautet Gleichbehandlung. Das heisst konkret: Jedes Kind wird behandelt, unabhängig des sozialen, religiösen oder finanziellen Hintergrundes der Familie. Jedes Kind hat Recht auf gute medizinische Versorgung. Unsere palästinensischen Kinder sind keine Kinder zweiter Klasse. Das Mindeste und gleichwohl das Höchste, was wir für die Familien tun können ist, eine gute medizinische Versorgung sicherstellen und alle mit Respekt und Würde zu behandeln, ob sie nun Geld für die Behandlung haben oder nicht. Dass wir unsere Arbeit machen und diesen Grundsatz hochhalten können, verdanken wir auch der Solidarität und grossartigen Unterstützung von zahlreichen Spenderinnen und Spender aus der Schweiz.

Ich wünsche Ihnen allen eine frohe Adventszeit und ein glückliches Weihnachtsfest! 

Dr. Hiyam Marzouqa 
Chefärztin Caritas Baby Hospital

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