Muttertagsgeschichte 2020

Muttertagsgeschichte 2020


Eine Mutter trotzt den Schwierigkeiten des Lebens.

Aliah A. (57) lässt sich nicht unterkriegen. Die alleinerziehende Mutter kämpft gegen die Tradition der Ehe unter Verwandten und klärt ihre Umgebung über die Risiken auf. Eine Geschichte über eine starke Frau im Westjordanland. Von Linda Bergauer aus dem Caritas Baby Hospital.

In ihrem Leben hatte Aliah wenig Grund zum Lachen: Die heute 57-jährige Frau aus Dura, einer kleinen Stadt im südlichen Westjordanland, wurde im Alter von 22 Jahren mit ihrem Cousin verheiratet. Zwei ihrer Kinder kamen gesund zur Welt; drei weitere aber verlor sie nur wenige Monate nach deren Geburt. Damals konnten ihr die Ärzte nicht sagen, warum sie so früh sterben mussten. Aliah brachte drei weitere kranke Söhne zur Welt. Die verzweifelte Mutter wandte sich für die Diagnose und zur Behandlung zunächst an ein Krankenhaus in Ostjerusalem und danach ans Caritas Baby Hospital. Der Weg dahin war beschwerlich: «Aufgrund der politischen Turbulenzen in der damaligen Zeit musste ich viele Kilometer zu Fuss gehen und meine Kinder von Hügel zu Hügel tragen, um einen Bus nach Jerusalem oder Bethlehem zu finden», erinnert sich Aliah.

Die gestellte Diagnose war dann ein harter Schlag: Alle drei Jungen wurden mit Methylmalonazidämie geboren, einer genetisch bedingten, unheilbaren Stoffwechselerkrankung. Unbehandelt kann sie akut zum Tod führen. Auf Dauer werden Nieren, Augen oder das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Wegen ihrer Sehprobleme konnten Aliahs Söhne die Schule nicht besuchen.

Aliah erfuhr auch, dass die Erkrankung auf die Verwandtenehe zurückzuführen ist. Ihr Ehemann, ein Cousin ersten Grades, wollte den Befund nicht akzeptieren und verliess sie. Er heiratete eine andere Frau und stellte alle Zahlungen an Aliah ein. Auf einen Schlag war sie ganz alleine für sich und ihre fünf Kinder verantwortlich: «Die Krankheit meiner Kinder hätte ich noch bewältigen können. Das Schlimmste war, dass sich alle gegen mich stellten – mein Ehemann, seine Familie, meine Familie. Die Schuld für die Krankheit meiner Kinder sehen sie allein bei mir, dabei sind wir beide Träger dieser Gene.»

Einer ihrer drei betroffenen Söhne ist vor einigen Jahren verstorben, die anderen beiden werden weiterhin im Caritas Baby Hospital behandelt, auch über die Volljährigkeit hinaus. Das Spital ist zu ihrem zweiten Zuhause geworden – und das Personal weiss genau, wie die Patienten zu pflegen sind. Auch zwischen Aliah und den Mitarbeiterinnen des spitaleigenen Sozialdienstes entwickelte sich über die Jahre eine besondere Beziehung. Sie bestärkten die Mutter darin, entgegen der etablierten Konventionen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und Gemüse anzubauen. So begann sie Minze, Spinat und Gurken zu züchten und errichtete auf ihrem Stück Land ein Gewächshaus. Die frischen Produkte verkauft sie nun auf dem lokalen Markt.

«Ohne die Hilfe des Caritas Baby Hospitals hätten wir nicht überlebt», stellt die alleinerziehende Mutter dankbar fest. Heute kann sie vom Ertrag ihres Gemüseanbaus – ungefähr 300 Franken pro Monat – leben. Darüber hinaus ist sie dank der Unterstützung des Sozialdienstes und ihres erworbenen Wissens rund um die Stoffwechselkrankheit über sich hinausgewachsen. So hat sie erfolgreich durchgesetzt, dass ihre beiden gesunden Kinder ausserhalb der Familie heiraten – entgegen dem Willen ihres Ex-Mannes und entgegen der Tradition. Aliahs Enkelkinder sind alle gesund, worüber sie sich sehr freut. Die Pflege ihrer zwei noch lebenden kranken Söhne sieht sie als ihre Lebensaufgabe an. Wer bei Aliah zu Hause zu Besuch ist, stellt rasch fest, mit wie viel Liebe sie sich um die beiden kümmert und wie viel Zuversicht sie ihnen gibt. Ergänzend informiert Aliah in ihrer Nachbarschaft sowie in Workshops des Sozialdienstes des Caritas Baby Hospitals andere Eltern chronisch kranker Kinder über die Risiken der Ehe unter Verwandten: «Ich möchte, dass niemand sonst durchmachen muss, was ich erlebt habe.»

Pressetext Muttertagsgeschichte 2020

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