Blickpunkt Bethlehem, Nr. 62 - Interview

Blickpunkt Bethlehem, Nr. 62 - Interview


Lernen für Beruf und Leben

Foto: © Bethlehem University

14 Jahre lang war der neuseeländische Ordensmann Peter Bray Rektor der Bethlehem University. In dieser Funktion war er auch Präsident des lokalen Beratungsorgans des Kinderspitals Bethlehem. Nun geht Brother Peter in Rente. Seine Jahre in Palästina bezeichnet er als die fruchtbarsten, aber auch schwierigsten seines Lebens. (ras)

Welche Bedeutung hat die Universität für Bethlehem?
Ja, was macht eine katholische Universität in einem Landstrich mit weniger als zwei Prozent Christen? Wir fokussieren uns auf die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Wir schaffen eine Atmosphäre, in der beide Seiten respektvoll und unterstützend miteinander umgehen. Seit fast 50 Jahren unterrichtet die Universität Studierende aus Bethlehem, der umliegenden Region und Ost-Jerusalem. Dabei vermitteln wir den jungen Menschen Sicherheit. Draussen drohen ihnen an Checkpoints Befragungen, mitunter sogar Verhaftung. Bei uns erleben sie Geborgenheit und Schutz.

Entspricht dies dem Wahlspruch «indivisa manent», also «zusammenstehen»?
Richtig, wir vermitteln auch eine Lebenshaltung und sensibilisieren gegen Vorurteile und für ein friedliches und verantwortungsbewusstes Zusammenleben. Genauso wie Jesus im Johannesevangelium, der gekommen ist als jemand, der sich kümmert und Verantwortung übernimmt. Hierdurch steigt die Lebensqualität, die eigene, aber auch diejenige der Mitmenschen.

An was werden Sie sich besonders gerne erinnern?
Mein Dienst gehört zu den schwierigsten Aufgaben meines Lebens. Aber sicher auch zu den erfülltesten. Ein Student sagte mir neulich: Mein Haus kann zerstört werden, meine Freiheit kann mir genommen werden, aber meine Bildung nicht. Solche Aussagen machen glücklich. In den vergangenen Jahren konnten wir auch die Infrastruktur der Universität ausbauen. Die hohe Qualität der Ausbildung wollen wir unbedingt noch weiter steigern.

Das Kinderspital Bethlehem und die Bethlehem Universität sind beides sehr bekannte Institutionen in Palästina. Was verbindet sie?
Sie arbeiten beide sehr gut zusammen. Viele Pflegerinnen und Pfleger des Kinderspitals sind Absolventen unserer Universität. Sie spezialisieren sich dann im Caritas Baby Hospital noch im Fach Pädiatrie. Und bei aller Bescheidenheit: Die Bethlehem University bietet die beste Krankenpflegeausbildung in ganz Palästina. Parallel stellt uns das Kinderspital eine beachtliche Anzahl von Praktikumsplätzen zur Verfügung. Dadurch tragen beide Häuser zu einem herausragenden Gesundheitsdienst in Palästina bei. Und für viele Patienten und Studierende ist es manchmal die erste Begegnung mit einer christlichen Institution.

Selbst als Rektor lernt man niemals aus – was haben Sie besonderes an der Bethlehem Universität gelernt?
Wie jeder Fremde meine ich natürlich, ich könnte die Dinge in Palästina stets richtig beurteilen. Nur, allzu oft war das eine Illusion. Eines hat mich hier aber unglaublich beeindruckt, und das ist die grosse Fähigkeit der Studierenden, sich den hiesigen Herausforderungen zu stellen, und ihr Wille zu lernen. So etwas prägt.

 

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