Blickpunkt Bethlehem, Nr. 60 - Interview

Blickpunkt Bethlehem, Nr. 60 - Interview


Die Kunst, die richtigen Worte zu finden.

Niemand hat mehr für die Bekanntheit der zeitgenössischen arabischen Literatur im deutschsprachigen Raum getan als Hartmut Fähndrich (HF). Mehr als 100 Werke hat er übersetzt. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen in Deutschland, der Schweiz und in der arabischen Welt ausgezeichnet. Nun liegt eine Anthologie mit 51 Geschichten über arabische Kinder und Jugendliche vor. Sybille Oetliker (SO) sprach mit dem Übersetzer über seine Arbeit.


SO   Wo kommen Kinder und Jugendliche in der arabischen Literatur vor?
HF   In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts waren Autobiographien recht beliebt und da gehören auch Kindheitserinnerungen dazu. Später finden sich in vielen Romanen Kinder- und Jugendszenen, die auch eine Art fiktionalisierte Autobiographie beziehungsweise autobiographisch inspiriert sind.

SO   Was zeichnet Kinderschicksale in der zeitgenössischen arabischen Literatur aus?
HF   Auffällig ist, dass es kaum schattenlose Freude gibt. So ist selbst der an sich unbeschwerte Wochenendausflug einer wohlhabenden saudischen Familie ins vergleichsweise liberale Bahrain überschattet von der Angst der Mutter, beim Grenzübertritt von Beamten belästigt zu werden. Religion spielt in den Erzählungen hingegen kaum eine Rolle. Es geht um Essen, Trinken, Spielen, Traditionen und auch um Gewalt.

SO   Wo liegt die Herausforderung für das Übersetzen aus dem Arabischen?
HF   Das Anspruchsvollste ist, Realitäten zu beschreiben, die uns fremd sind: Details aus dem Alltag wie etwa, wenn ein libyscher Autor detailliert beschreibt, wie eine Tuareg-Familie ihr Zelt aufstellt oder die Beschreibung lokaler Kleidung oder typischen Essens. Komplex ist auch, dass Wörter in jeder Sprache meist mehr beinhalten als das, was übersetzt werden kann. Die Bedeutungsfelder sind nicht in allen Sprachen gleich und Wörter lösen unterschiedliche Assoziationen aus.

SO   Wie können kulturelle Eigenheiten übersetzt werden?
HF   Nehmen wir das Beispiel eines häufigen Begriffes in der arabischen Welt: «inshallah». Wenn zwei Bauern in Oberägypten den Begriff verwenden, übersetze ich mit «so Gott will», denn das ist wohl, was sie meinen. Wenn sich aber zwei Banker in Casablanca unterhalten, ist die Übersetzung «hoffentlich» näher an dem, was sie ausdrücken.

SO   Wie finden Sie die Autorinnen und Autoren der Texte, die Sie übersetzen? 
HF   Sehr oft geschieht das über persönliche Kontakte. Ich bekomme von Kennern der arabischen Literaturszene auch immer wieder Hinweise.

SO   Was sind Kriterien für die Auswahl?
HF   Ich übersetze Texte, die auch dort, wo sie entstanden sind, auf Interesse und Anerkennung stossen. Wichtig ist nicht nur die Qualität der Literatur, sondern auch, dass Inhalt und Erzählweise für ein europäisches Publikum verständlich sind.

Das Buch «Kleine Festungen – Geschichten über arabische Jugendliche und Kinder» ist in der Edition Faust Frankfurt a.M. erschienen.

Zwei Texte aus dem Buch können Sie hier online lesen:

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