Blickpunkt Bethlehem, Nr. 58 - Interview

Blickpunkt Bethlehem, Nr. 58 - Interview


«Wir lassen uns nicht entmutigen»

Randa Siniora (RS) setzt sich seit über 35 Jahren für Menschen- und Frauenrechte in Palästina ein. Seit sechs Jahren ist die 60-jährige Generaldirektorin des Frauenzentrums für Rechtshilfe und Rechtsberatung (WCLAC) in Ramallah. Randa Siniora hat 2018 als erste Palästinenserin einer zivilgesellschaftlichen Organisation vor dem UN-Sicherheitsrat zum Thema «Frauen, Frieden und Sicherheit», sinnvolle politische Partizipation, häusliche Gewalt und die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der israelischen Übergriffe gegen Frauen im Besetzten Palästinensischen Gebiet» gesprochen. Die Fragen stellte Livia Leykauf (LL).

LL    Wie hat die Pandemie die Teilhabe der Frauen am gesellschaftlichen Leben verändert?  
RS   Die Pandemie hat in Palästina bestehende Probleme verschärft und neue geschaffen. Zu den täglichen Herausforderungen durch die israelische Besatzung und die patriarchalisch geprägte Gesellschaft kommt jetzt der Gesundheitsnotstand hinzu. Das alles macht das Leben von Frauen und jungen Mädchen noch schwieriger. Seit dem Ausbruch der Corona-Krise werden sie verstärkt in die Rolle der Ehefrau, Mutter, Hausfrau und Pflegekraft ohne Vergütung gedrängt, was zu zusätzlichen Belastungen für Frauen führt.

LL    Auch Männer waren von Ausgangssperren betroffen. Haben sich die Paare in dieser Zeit die Aufgaben im Haus geteilt?
RS   Ich möchte nicht verallgemeinern, aber Haushalt und sich um die Kinder kümmern, ist in dieser Region in der Regel Frauenaufgabe. Statt Arbeitsteilung haben wir eher Druck und innerfamiliäre Spannungen wahrgenommen.

LL    Was meinen Sie damit konkret?
RS   Während des ersten Lockdowns im März 2020 mussten wir einen deutlichen Anstieg an häuslicher Gewalt registrieren. Die Wohnverhältnisse sind meist viel beengter als in Europa. Zu der eingeschränkten Bewegungsfreiheit durch die Besatzung kamen coronabedingte Ausgangssperren hinzu. Gewalttägige Übergriffe gegen Frauen nahmen zu. Die Frauen konnten dem Aggressor nicht entkommen und die Vorgänge nicht melden, da sie nicht allein im Haus waren. Die finanziellen Nöte durch fehlendes Einkommen haben die Situation in vielen Familien zugespitzt. Viele Frauen, die den Haushalten vorstehen, insbesondere diejenigen, die in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind, verloren ihre Anstellung. Das führte zu einer zusätzlichen wirtschaftlichen Belastung der Familien.

LL    Wie konnten Frauen in Not Hilfe erhalten?
RS   Die Frauen haben heimlich bei der Polizei, sozialen Einrichtungen und Frauenorganisationen angerufen. Oft nutzten sie für die Kontaktaufnahme die Sozialen Medien. Sie schickten eine Nachricht über WhatsApp oder Facebook, weil sie das unbemerkt machen konnten. Neben den Hilferufen wegen physischer Übergriffe gab es vermehrt juristische Anfragen, weil zum Beispiel die Unterhaltszahlungen ausblieben oder Abmachungen bei getrenntlebenden Paaren mit Kindern nicht eingehalten wurden. Aber der Zugang zur Justiz wurde mehr als einmal durch Corona-Restriktionen unterbrochen, was Gerichtsverfahren insbesondere in persönlichen und familiären Angelegenheiten behinderte.

LL    Hat die Pandemie die Bewegung für mehr Frauenrechte in Palästina zurückgeworfen? 
RS   Nein, wir waren in den vergangenen Monaten äusserst aktiv. Wir haben sehr viele Kräfte mobilisiert, um Frauen in konkreten Notlagen zu helfen und auf häusliche Gewalt in Familien aufmerksam zu machen. Dazu bauen wir unsere digitalen Kanäle aus, damit wir die Jüngeren erreichen. Gerade organisieren wir eine grosse nationale Koalition, um für die Verabschiedung eines Familienschutzgesetzes zu lobbyieren. Aber wir spüren auch den Gegenwind.

LL    Woher kommt der Gegenwind? 
RS   Meist sind es die islamisch-politischen Parteien und traditionellen Teile der Gesellschaft, die unser Engagement ausbremsen möchten. Sie werfen uns «westliche Gesinnung» vor, die unvereinbar sei mit palästinensischen Traditionen und dem Islam. Damit missbrauchen sie die Religion und versuchen, unser Engagement für die Frauen zu diffamieren. Aber wir lassen uns nicht entmutigen, weil wir überzeugt sind, dass wir in unserer Gesellschaft Veränderungen für eine bessere Zukunft von Frauen und Mädchen bewirken können.
 

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