Muttertagsgeschichte 2021

Muttertagsgeschichte 2021


«Dieses Baby ist mein Leben»

Mariam (24) ist im sechsten Monat schwanger, als sie schwer an Corona erkrankt. Ein Notkaiserschnitt rettet ihr Baby, aber sie selbst stirbt einen Tag nach der Geburt. Ihre Tochter wird daraufhin wochenlang im Caritas Baby Hospital behandelt. Eine Reportage aus Bethlehem von Andrea Krogmann.

Zeina liegt in der Mitte des grossen Ehebetts, den kleinen Körper sorgsam in eine rosafarbene Einhorndecke gewickelt. Roter Samt umspannt das geschwungene Kopfteil des Bettes, Decken und Kissen in allen möglichen Rottönen tauchen den Raum in ein sanftes Licht. Auf Rosen betten wollten Sanad und Mariam, aus einem Dorf wenige Kilometer östlich von Bethlehem am Rande der judäischen Wüste, ihre erste Tochter. Erst im April 2020 hatten der 23-Jährige und die 24-Jährige aus Ubeidija geheiratet, freuten sich auf ihr Baby. Doch es kam anders.

Im sechsten Monat schwanger, wurde Mariam krank. «Grippe», dachten sie zuerst, aber als die Atemprobleme einsetzten, fuhren sie ins Spital. Mariam bekam Sauerstoff und die Diagnose: Corona-Infektion. Ein Kaiserschnitt sollte das kleine Mädchen retten und der Mutter die Genesung erleichtern. «Mariam lächelte, als man ihr sagte, Zeina sei im Caritas Baby Hospital und es gehe ihr gut», erinnert sich Sanad. Die Angst, dass auch die Kleine Corona haben könnte, bestätigte sich zum Glück nicht. Doch Mariams Zustand verschlechterte sich schnell. Sie starb am Tag nach der Geburt.

Zeina, die Schöne
Das war Anfang November. Zu der Trauer kam die Sorge um Tochter Zeina, was «die Schöne» bedeutet. Den Namen hatte Mariam ausgesucht, als sie wussten, dass das erste Kind ein Mädchen wird. In den Wochen nach der Geburt, sollte das Caritas Baby Hospital zu einem zweiten Zuhause für die Familie werden. «Einen sichereren Ort als das Kinderspital in Bethlehem hätte es für Zeina nicht geben können», sagt der junge Vater. Ende Januar 2021 hatte sich der Zustand der Kleinen stabilisiert. Sie durfte in das samtene Bett am Rande der Wüste umziehen.

Der Anfang sei nicht einfach gewesen, erzählt Sanads Mutter Fatima Daoud. Die 58-Jährige hat selber drei Söhne und fünf Töchter grossgezogen und ist mit Enkeln reich beschenkt. «Zeina ist mein 18. Enkelkind», sagt sie stolz, «und jetzt ist sie meine ganze Aufgabe, ich kann sie keinen Moment alleine lassen».

Professionelle Hilfestellung für den Anfang
Fatima nimmt ihre neue Aufgabe ernst. Im Caritas Baby Hospital hat sie gelernt, mit den besonderen Bedürfnissen der Frühgeborenen umzugehen. Vitaminzusätze in der Milch gehören genauso dazu wie physiotherapeutische Übungen oder die besondere Wickeltechnik: die Arme der Kleinen dicht am Körper, die Decke fest um das Kind.

 «Meine Mutter ist wie eine zweite Mutter für Zeina», sagt Sanad. «Ich habe mehr Angst um sie, als um meine eigenen Kinder», erwidert Fatima. Nachts schläft die Grossmutter neben dem Baby, und wenn Zeina nicht schläft, schläft auch Fatima nicht. Wenn nötig, hält sie das zierliche Mädchen die ganze Nacht. «Und wenn sie aufwacht, dann rede ich mit ihr.»

 «Ich zeige Sanad, wie er mit dem Baby umgehen soll. Ich achte auf die Hygiene, darauf, dass seine Hände gewaschen sind und er eine Maske trägt, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt und zu seiner Tochter geht.» Fatimas Stimme ist sanft und weich, doch ihre Worte lassen keinen Zweifel daran: Am Grosi kommt keiner vorbei, der zu Zeina will.

Alles, was bleibt
Sanad ist dankbar für die starke Unterstützung. Tagsüber arbeitet er auf dem Bau, muss die Schulden für die Hochzeit zurückzahlen. «Alles fühlt sich an wie eine Illusion», sagt er, «innerhalb von sieben Monaten fing alles an und ging alles zu Ende». Dann nimmt er Zeina in seine Arme. «Sie ist alles, was mir von meiner Frau bleibt.» Weiter kann Sanad noch nicht denken. «Dieses Baby ist mein Leben!»

Teilen