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Film-Tipp: «Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen»

Jedes Mal wenn ich in Jerusalem die Grabeskirche der Christen, die Klagemauer der Juden und die Al Aqsa-Moschee der Muslime in einem Blick vom Hotelzimmer aus vor mir sehe, werde ich traurig: Wie weit haben es die Religionen im so genannten Heiligen Land doch gebracht! Nicht viel anders geht es mir bei dem Film «Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen». Der deutsche Regisseur Hajo Schomerus, der für Idee, Konzept, Regie und Kamera verantwortlich ist, meint es ehrlich und redlich, er versucht ein faires Bild der Grabeskirche und der Menschen, die dort wohnen und dorthin pilgern, zu zeichnen. Mir gelingt es nicht, muss ich sagen, den Film neutral und unkritisch anzuschauen. Vielleicht können es andere.

In dieser neben der Geburtskirche und dem Petersdom wohl berühmtesten Kirche der Christenheit leben sechs christliche Konfessionen Tür an Tür unter einem Dach: griechisch-orthodoxe, syrische und armenische Christen, römisch-lateinische Franziskaner, äthiopische Abessinier und ägyptische Kopten. Eine muslimische Familie schliesst und öffnet die Kirche, eine andere verwahrt den Schlüssel. In diesem Status befindet sich die Kirche seit der osmanischen Zeit. Die einzelnen Glaubensgemeinschaften wachen verbissen über die ihnen zugeteilten Anteile und beobachten eifersüchtig die andern. Die Abessinier, die ihren Platz in der Kirche verloren hatten, quartierten sich kurzerhand auf dem Dach der Kapelle ein. Die Kopten, die den Haupteingang des Grabes nicht benutzen dürfen, bauten sich eine kleine Kapelle an der Rückseite der Grabeskammer. Und die Griechisch-Orthodoxen verteidigen rauhbeinig den Vordereingang. Zu hohen Festtagen kommt es manchmal zu absurden Schlachten religiöser Leidenschaft, die Prozessionen geraten sich gegenseitig in die Quere und Gläubige aus aller Welt verkeilen sich untereinander. Erst nachts, wenn die unfreiwillige Wohngemeinschaft in der Kirche eingeschlossen ist, beten die Mönche vor dem Grab. Dann verwandelt sich die Kirche in einen mystischen Ort der Hingabe und Sehnsucht nach erfülltem Glauben.

«Die Grabeskirche in Jerusalem ist ein faszinierender Mikrokosmos, in dem sich viele sehr menschliche Verhaltensweisen versammeln – bis zum Überlaufen angefüllt mit Geschichte und Politik, auf der anderen Seite aber auch ein Ort der Sehnsucht und Hoffnung», schreibt der Filmemacher und fährt fort: «Der Ort kann so profan wie ein Busbahnhof sein und dann wieder in seiner Heiligkeit überwältigend. Die Teilung der Kirche, die immerhin der heiligste Ort für einen grossen Teil der Christenheit ist, ist eine Tatsache, die tragisch und gleichzeitig absurd ist. Hier offenbart sich eine Tragödie: Die utopistische christliche Vision einer besseren Welt trifft auf ein urmenschliches Dilemma: die Sehnsucht, fromm und gut zu sein, und das gegensätzliche, aber sehr menschliche Bedürfnis, als erster in der Schlange zu stehen. Dieser reiche und extrem dichte Ort hat mich gepackt, und ich habe mich aufgemacht, die Leute zu suchen, die in der Kirche leben, mit ihr leben und für sie leben. Den Alltag in diesem aussergewöhnlichen Ort mit seinen Höhen und Tiefen zu entdecken und die emotionale Achterbahn entlang der Ereignisse in der Kirche mitzuerleben, führt unweigerlich zu der Frage nach dem Glauben. Mit Respekt und Neugier, aber auch zeitweilig mit Verblüffung und Belustigung wollte ich herausfinden, was diese unfreiwilligen Hausgenossen umtreibt.»

Welch ein Bild des die Erde umfassenden Christentums wird hier präsentiert: ein oberflächliches, kleinliches, naives, fundamentalistisches. Die beiden Muslime, die für die Schlüssel und das Schliessen der Kirche verantwortlich sind, machen sich keinen Deut besser in ihrer Kleinkariertheit. Weil der Film die Christlichkeit in und um die Begräbniskirche von Jerusalem sorgfältig, fair und respektvoll zeigt, ist er wertvoll. Er bietet Aufklärung, die anscheinend nötig ist. Der Film lässt uns die Freiheit zur eigenen Meinung. «Fast so etwas wie eine skeptische Phänomenologie des Religiösen», nennt das Berliner Stadtmagazin «Tipp» zu Recht den Film «Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen».

Hanspeter Stalder

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