Abt Benedikt Lindemann ist Benediktinermönch in der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg nahe der Jerusalemer Altstadt. Seit 14 Jahren widmet er sich mit seinen Mitbrüdern der Friedensarbeit. Mit der Kinderhilfe Bethlehem spricht er über die Bedeutung, die der Ort Bethlehem heute für Christen hat.
Was macht Bethlehem für Sie zu einem besonderen Ort?
Wie alle Heiligen Stätten gibt uns auch Bethlehem die Möglichkeit, Glauben im wahrsten Sinne des Wortes zu «begreifen». Wenn wir uns gedanklich auf Bethlehem fixieren oder es sogar besuchen, haben wir einen konkreten Ort, der die unfassbar schöne Botschaft der Menschwerdung Gottes für uns fassbarer macht. Ich erlebe immer wieder, dass der Mensch diese Hilfe braucht.
Welche Botschaft steht hinter Bethlehem?
In Bethlehem hat die Frohe Botschaft von der Geburt Jesu ihren Ursprung: Gott wurde Mensch; der unendlich grosse und geheimnisvolle Gott wurde als Menschenkind geboren, um Frieden zu bringen und die Menschheit zu erlösen. Lassen Sie diesen Satz auf sich wirken und Sie erkennen schnell, welche Dimension er hat. Das göttliche Kind bringt uns die Botschaft von Zukunft und Hoffnung. Diese Botschaft hat im Hier und Jetzt konkrete Auswirkungen. Sie verpflichtet uns, für Kinder auf der ganzen Welt einzutreten und zu handeln. Bethlehem sagt uns: Schaut auf die Kinder Sie sind Zukunft.
Wenn Sie heute die Situation und die Zukunft der Kinder von Bethlehem betrachten, passt dies aber nur schwerlich mit einer «Frohen» Botschaft zusammen.
Das ist richtig. Wenn uns Bethlehem an die besondere Verpflichtung gegenüber Kindern erinnert, ist es natürlich besonders schmerzhaft, dass gerade an diesem Ort Kinder leiden. Darum gibt es dort zahlreiche Einrichtungen, in denen Kinder unsere Nächstenliebe spüren können. Damit zeigen wir, dass Bethlehem keine Kulisse für ein fröhliches Fest ist, sondern der Ort, an dem wir die Weihnachtsbotschaft im Grossen wie im Kleinen ganz besonders leben. Es ist unsere Aufgabe, Licht in die Dunkelheit zu bringen – genauso wie es vor 2000 Jahren geschehen ist. So können wir ein wichtiges Zeichen für Kinder in der ganzen Welt setzen.
Spüren Sie bei den Menschen eine Sehnsucht nach Bethlehem?
Ja. Wir leben in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach Orientierung stetig wächst. Bethlehem gibt eine Orientierung. Die Mönche der Abtei tragen in der Weihnachtsnacht eine lange Liste mit Namen nach Bethlehem, weil uns so viele Menschen ansprechen, wir mögen dort für sie beten. Diese Menschen haben den Wunsch, auch im Gebet mit dem Heilsort Bethlehem verbunden zu sein. Ich glaube, dass auch die Unterstützung der vielen guten Projekte eine Verbindung ist, die aus der Sehnsucht nach Nähe und Teilhabe erwachsen ist.
Welche Rolle spielen dabei die Christen im Heiligen Land?
Für Christen aus der ganzen Welt sind sie die Brücke zu den Ursprüngen des Glaubens. Die einheimischen Christen bewahren die Heiligen Stätten davor, Museen zu werden, und sie halten das Evangelium bis heute im Land der Bibel lebendig. Weil sie am Ursprung leben, erinnern sie aber auch daran, dass alle Christen auf der Welt Botschafter sind. Wir verlieren häufig aus dem Blick, dass wir eigentlich durch eine Nabelschnur mit Orten wie Bethlehem verbunden sind. Von dort bekommen wir unsere Kraft. Wir dürfen nie vergessen: Wir sind eine Einheit, eine grosse Gemeinschaft.